Kunst weckt Emotionen, berührt, stimmt nachdenklich, unterhält, inspiriert und setzt Trends. May You Live in Interesting Times – der Titel der 58. Kunstausstellung in Venedig, der Biennale, macht neugierig.
Der Münchner Multimedia-Künstler Udo Rein war vor Ort und hat sich für uns umgesehen. Denn Kunstinstallationen bringen uns zum Beispiel Anregungen für die nächste Wanderausstellung und lassen unsere Sicht- und Denkweise ganz neue Wege einschlagen. Lesen Sie selbst, was Udo Rein uns von der Biennale berichtet und was wir als Kommunikationsexperten daraus mitnehmen können.

Udo, du warst schon oft auf der Biennale. Wie unterscheidet sich die diesjährige Biennale im Vergleich zu den vorherigen?
Die Biennale von diesem Jahr mit den vorangegangen zu vergleichen, erscheint mir wie der Versuch, Kritik am persönlichen Geschmack der einzelnen Menschen vornehmen zu müssen. Ich will hier lieber meinen Gesamteindruck schildern.
Die 58. Biennale wird 2019 von Ralph Rugoff, US- Amerikaner und Direktor der Londoner Hayward Gallery kuratiert. Ihr Titel lautet: „May You Live in Interesting Times“. Dies ist wohl ein eindeutiger und wertvoller Titel, wenn man sich vor Augen führt, wie schwierig die politische Lage in vielen Teilen unserer Welt geworden ist. Wir haben wahrlich interessante Zeiten für politische Kunst – und das merkt man auch in Venedig.

Wie zeigt sich das konkret?
Die scheinbar unendliche Vielfalt und Möglichkeit der Ausdrucksweisen, die Kunst kennt, geben Hinweise auf die Krisengebiete, die Verschmutzung der Weltmeere oder die Veränderung der Lebensformen unserer Gesellschaft. Diese wichtige Auseinandersetzung von Kunst mit dem „Weltzustand“, ist in diesem Jahr vielen Künstler-Kolleginnen und -Kollegen ausgezeichnet gelungen.

Was waren deine Highlights? Welche Künstler und welche Werke haben dich besonders begeistert und warum?
Für mich persönlich besonders beeindruckend war die Installation „Cant Help Myself“ der beiden chinesischen Künstler Sun Yuan und Peng Yu. Deren riesiger Pinsel, der mit Blut spritzt, wurde im zentralen Pavillon von Arsenale großartig in Szene gesetzt. Ein Roboter dient hier als Malmaschine, die eine wie Blut anmutende Flüssigkeit immer wieder neu und wie zufällig auf dem Hallenboden aufträgt und willkürlich verteilt. Diese Form von Kunst entstehen zu lassen, die technikgesteuert und programmiert ist, hat mich beeindruckt und bedrückt gleichermaßen, denn die Installation erinnert mich an das Reinigen eines Schlachtfeldes nach einem blutigen Kampf.

Ein weiteres großes Thema: Wie setzen sich die Menschen mit dem Begriff Heimat auseinander und welche Rolle spielt sie noch für uns.
Danica Dakic, die Schülerin von Nam June Paik, befasst sich in ihren Videos immer wieder mit den Fragen der Migration und der Identität der Menschen. Zu sehen unter dem Titel „Zenica Trilogie“. Hier geht es um die kriegerische Auseinandersetzung in Ex-Jugoslawien, Völkermord am anderen Ende der Welt oder Ungerechtigkeit vor der eigenen Haustür. Ein weiteres Beispiel für die Umsetzung seiner künstlerischen Arbeit und kritischer Beobachtung politischer Themen zeigt uns der Schweizer Künstler Christoph Büche in seinen Arbeiten. Er weist mit seiner Installation „Barca Nostra“, dem 2015 mit 800 Flüchtlingen besetzten und gesunkenen Fischerboot vor Lampedusa, auf die derzeitige Situation von Flüchtlingen hin. Seine Installation wird auf dem von der venezianischen Marine teilweise militärisch genutzten Ausstellungsgeländes von Arsenale gezeigt und bildet damit einen zusätzlichen ironischen Kontrast.


Welche Installationen würdest du als Anregung für ein Eventkonzept sehen?
Der diesjährige Kurator der Biennale de Venezia Ralph Rugoff hat es sich zum Motto gemacht, die Erfahrung des Publikums mit dem Kunstwerk an sich in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist bestimmt im Ansatz auch für ein Konzept einer Veranstaltung gut. Ich halte die Durchführung dann für gelungen, wenn man es schafft, die Besucher und Teilnehmer einer Veranstaltung soweit wie nur möglich ins Geschehen zu integrieren. Die aktive Einbindung schafft etwas Bleibendes und Unvergessliches, besonders wenn sich für jeden Einzelnen die Möglichkeit bietet, seine eigenen kreativen Ideen darin umzusetzen. Etwa in der Gestaltung eines gemeinsamen Kunstwerkes.
Man kann zum Beispiel am Ende einer Großveranstaltung den Müll von den Gästen wieder einsammeln lassen und daraus eine Installation bauen, wie dies auf der Biennale beim französischen Pavillon beeindruckend in Szene gesetzt wird. Das schafft eine starke Bewusstseinsveränderung im Umgang mit Müll in unserer heutigen Wegwerfgesellschaft.
Mir fällt auch gleich eine Miniaturinstallation über das Ende der Welt ein, die dort zu sehen ist, verbunden mit einer Anspielung auf die Verschmutzung der Meere in einer konstruierten Unterwasserwelt. Der Besucher muss sich seinen Weg durch den Hintereingang des Pavillons in unwegsamen Gelände auf Giardini nahezu selbstständig suchen und ist darüber zunächst verwirrt. Dann tritt er durch den Untergrund ein in die Welt der Tiefseeerlebnisse – aber angefüllt mit Müll und Operngesang! Das Zusammentreffen von Schönheit und Zerstörung ist seltsam zauberhaft und gleichzeitig natürlich widersprüchlich. Und es bleibt als Bild im Kopf! Und genau das will man ja auch mit einer Eventveranstaltung erreichen.

Konntest du Anregungen für gestalterische Elemente für Graphiker/Designer erkennen?
Da erlaube ich mir das neue LOGO des Löwen von Mirko Borsche in seiner Auftragsarbeit für eine neue Identität des venezianischen Pavillion zu erwähnen.
Die Arbeit spricht für sich selbst. Zu sehen auch als Verhüllung eines Palazzo neben der bekannten Rialto Brücke.

Wie digital ist die Biennale 2019? Sind Augmented Reality und Virtual Reality ein Thema?
Das sind große Themen in diesem Jahr, mit einer technisch beeindruckenden, und kreativ vielfältigen Darstellung. Für mich als Videokünstler sehe ich eine sehr klar definierte Präsenz mit Schwerpunkt auf Video-Art, besonders bei den Präsentationen im Arsenale und einigen ausgelagerten Sonderschauen. Virtual Reality kann übrigens auch eine Darstellungsart sein, die sich für Events bestens anbietet. Und Augmented Reality lässt sich wunderbar in Ausstellungen einbinden. Solche optischen Erlebnisse können große Emotionen oder einfach auch nur großes Vergnügen und Verblüffung auslösen.

Wann ist die beste Zeit für einen Besuch der Biennale in Venedig?
Die Presseeröffnung bzw. der Anfang der Biennale ist bestimmt ein guter Zeitpunkt, um auf ausgewähltes kunstkritisches Publikum zu stoßen.
Ansonsten liebe ich persönlich den Ausklang dieser wohl weltweit wichtigsten Kunstschau im November. Auch im Hinblick auf die so ganz andere wetterbedingte und spannende Umgebung Venedigs, die sich dann aus einem ganz anderen als dem touristischen Blickwinkel präsentiert.


Udo Rein, in München lebender Multimedia Künstler, ist seit Jahren ein Partner der brandarena. Eine Kurzbeschreibung seines Schaffens:
Unsere Gesellschaft bietet uns immer wieder polierte Oberflächen und klare Strukturen. “Polierte Oberflächen” sind auch eine Gestaltungsvariante des Künstlers Udo Rein, der uns dann aber sehr schnell in die Hinterhöfe und Hintergründe unserer Weltauffassungen führt.
Wenn wir uns auf das Sehen hinter dem schönen Schein einlassen, bekommen wir einen Einblick in eine sehr vielseitige, auch widersprüchliche, erotische und geheimnisvolle Welt. Der Zauber, den das Leben in seinen irrationalen Momenten offenbart, kann uns so bewusstwerden, und gleichzeitig offenbart sich die ungeheure Kraft gesellschaftskritischer Betrachtungen in einer erfreulich unpolitischen Form. (Christian Jacobs, E&A, 2002 über U.R.)
Mehr über Udo Rein finden Sie auf seiner Website.